Das Schreikind. Psychothriller
aus Emmi Winger
Ein Schreikind. Kein Mensch kann sich vorstellen, was das bedeutet. Das Kind schreit und schreit und schreit. Du denkst, es zerreißt dir nicht nur das Trommelfell, sondern auch jeden einzelnen Nerv.
Kaum, dass es munter ist, schreit es. Es schreit, wenn du es stillst, bis du wunde Brustwarzen hast. Es schreit, wenn du es nicht stillst. Wenn du es aufnimmst und trägst, schreit es weiter. Lässt du es liegen, schreit es auch. Es schreit, wenn du ihm Musik vorspielst. Und wenn du sie ausschaltest.
***
Was verbinden Sie mit dieser Zeit?“, fragt mich der Therapeut.
"Dass ich meine Tochter nicht mehr haben wollte. Dass ich bereit war, sie zu töten. Dass ich es nicht getan habe. Ich weiß nicht, ob ich jemals ein Kissen in der Hand hatte. Ich weiß es wirklich nicht.
Wenn, dann hätte ich es nur getan, damit sie für fünf Minuten still ist. Nicht für immer. Nur für fünf verdammte, beschissene Minuten.
Aber ich habe es ausgehalten, ohne sie zu töten."
„Was haben Sie stattdessen getan?“
"Ich habe sie gehasst."
***
Nach Leahs sechstem Geburtstag war Michael gegangen, an ihrem neunzehnten kam er wieder zurück.
***
„Du musst mir helfen“, sage ich zu Michael.
Ich sehe an seinem Gesicht, dass mit mir wohl etwas nicht stimmt.
Er geht mir entgegen und streckt die Hand aus. „Ruhig einatmen, nicht auf den Boden sehen. Nicht auf den Boden, hörst du?“
Sein Griff um meine Taille tut gut, aber er hilft nicht gegen das Gedankenkarussell in meinem Kopf. Hatte ich Leah unglücklich gemacht? Wagte sie sich erst jetzt, im Schutz ihres Vaters, mit der Wahrheit an mich heran?
Kategorien: Krimis, Thriller
aus 13. Januar 2026
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