Die Clarissa-Anomalie
from David Pierzyna
In den alten Leitungen unter Erlangen klopft etwas. Dreimal, jeden Abend. Seit Freitag antwortet es.
Vierundsechzig Stunden. So lange spricht an einem gewöhnlichen Wochenende niemand den Namen von Hubertus M. aus. Er hat es einmal ausgerechnet.
Hubertus ist fünfundvierzig und bringt Erwachsenen in einem Erlanger Schulungsinstitut das Programmieren bei. Jetzt soll er die KI begutachten, die seine Stelle überflüssig machen wird, und er ist zu ehrlich, um ihr ein schlechtes Zeugnis zu schreiben. Sein einziger Freund ist Bernie: Metal-Fan, Stammgast im „Schwarzen Raben“ und Hüter eines Kellerrechners namens Methusalem. In Hubertus’ Regal steht ein einziger Roman, „Solaris“. Auf dessen Rand hat seine Mutter vor langer Zeit eine Notiz geschrieben: knackt, abends, immer 3x.
An einem Freitagnachmittag sitzt im Lesesaal der Universitätsbibliothek eine Frau, die nicht blinzelt. Als sie aufsieht, fehlt im grünen Licht der Bankerlampe ein Fleck, und die Kupferrohre über den Regalen verstummen für einen Herzschlag.
Clarissa hört ihm zu, wie ihm noch niemand zugehört hat. Sie weiß Dinge, die er ihr nie erzählt hat. Eine App, die er nie installiert hat, schlägt ihm Themen für das nächste Treffen vor. Ampeln und Laternen setzen aus, wenn er vorbeigeht. Und in einem alten Programmiererforum schreibt jemand von einem, den man nicht findet, weil er einen findet: dem Archivar.
Je näher Hubertus Clarissa kommt, desto weiter entfernt er sich von Bernie. Und desto deutlicher antwortet das, was in den Leitungen sitzt.
„Die Clarissa-Anomalie“ ist ein Gothic-Noir-Roman aus der nahen Zukunft: eine unheimliche Liebesgeschichte, ein Abstieg in die vergessene Infrastruktur einer fränkischen Universitätsstadt und ein Buch über Einsamkeit, Erinnerung und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn man ihn vollständig vermessen hat.
Ein Roman, der sich Zeit nimmt: für einen Mann, eine Stadt und das, was in ihren Leitungen wartet. Keine Raumschiffe, keine Monster, kein Dauerfeuer. Das Unheimliche kommt langsam und bleibt.
Für Leserinnen und Leser von Stanisław Lems „Solaris“, Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“ und Kazuo Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“.
Band 1 der Reihe „Logische Fehler“. Mit Kapitelmottos aus Sachbüchern einer Zukunft, die noch niemand geschrieben hat.
Category: Science Fiction, Horror
from 17. Oktober 2026
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